Ein publizistischer Skandal ist das, was wir auf der Titelseite der Welt am Sonntag zu lesen bekommen. Ein greiser schweizerischer Gutachter hat sich erneut an den pharmakologischen Daten des verstorbenen Uwe Barschel vergangen, just nachdem der per Medium in RTL verkündet hatte, dass er ermordet worden sei (FdoG berichtete). Nun rührt die WamS die Verschwörungstheorien zusammen und nimmt das Untersuchungsergebnis für bare Münze: Es war der Mossad. Dabei hätte es genausogut der seinerzeitige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler sein können, dem Barschel die Wahlergebnisse verhagelten. Ob das Gutachten überhaupt stimmt, sei dahin gestellt. In jedem Fall stellt es nur fest, dass der Mann sich nicht selbst zu Tode gebracht habe. Auch attestiert es den Tätern einige Professionalität. Wenn man aber unterstellt, die einzigen professionellen Killer seien in den Reihen des israelischen Geheimdienst zu finden, dann ist das angewandter Antisemitismus. Denn die Hypothese, der Schleswig-Holsteinische Provinzpolitiker hätte tiefe Kenntnis von auf dem vom Meer umschlungenen Boden praktizierten Waffenhandel zwischen dem Iran (!) und Israel gehabt, ist absurd. David Harnasch hat bei der Achse dazu einiges bemerkt. Schließlich vergnügte sich Barschel auch noch mit leichten Stasi-Mädchen im ordentlich verwanzten DDR-Renommierhotel in Warnemünde. Was der Mossad kann, können Stasi und KGB doch wohl schon lange.
Natürlich sind wir dererlei vom Muslimmarkt gewonnt. Dass die Welt aber eine solche Räuberpistole auf die Titelseite hebt, lässt nicht nur Axel Springer im Grabe schneller rotieren als die Tiefseebohrer im Golf von Mexiko.
Die angerührte Soße, die an eine ostdeutsche Jäger-Mehlschwitz-Pampe erinnert, ist ein Indiz für den schleichenden Antisemitismus, der sich in der gesamten Gesellschaft breit macht. Auch im Springer-Haus. Das ist der Skandal.






4 comments
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22. November 2010 at 23:35
kroraina
für mich das erste Mal, das jemand das Untersuchungsergebnis nicht für bare Münze nimmt. Bravo!
23. November 2010 at 00:08
Rayson
Ach herrje… Es gibt genau einen Grund, warum hier der Mossad ins Spiel kommt, und der heißt nicht Antisemitismus (ihr wolltet doch mal ein Beispiel für eine solche übertriebene Zuschreibung: hier ist eins), sondern Ostrovsky.
Dieser Beitrag verschweigt – anders wäre der wieder einmal schlagende Beweis antisemitischer Umtriebe auch etwas schwerer zu führen – tunlichst, woher die Hypothese mit der Verwicklung Waffenhandel zwischen Iran und Israel stammt, nämlich von besagtem ehemaligen Mossad-Agenten. Vergleichbare Werke aus der Stasi- oder KGB-Ecke sind bedauerlicherweise nicht bekannt.
Nun sind ehemalige Agenten, die Bücher mit Aufsehen erregenden Themen schreiben, vielleicht nicht gerade die glaubwürdigsten Zeugen, weswegen natürlich weiterhin auch andere Varianten von Barschels Tod möglich sind, aber wenn die Presse sich darauf stürzt, ist das wohl hochspekulativ und nicht unbedingt sehr seriös, aber alles andere als ein Skandal.
Auch, dass der Mossad sich international einen gewissen Ruf erarbeitet hat, der solche Spekulationen zumindest nicht von vornherein als völlig unglaubwürdig erscheinen lässt, ist wohl weniger Ausdruck von Antisemitismus als vielmehr Zeichen von Respekt. Israel hat nur selten den Luxus, in der Wahl der Mittel zu seiner Existenzsicherung und zur Verfolgung seiner Feinde besonders wählerisch sein zu können.
Aber wäre Ostrovsky ein Agent irgendeines anderen Geheimdienstes gewesen, hätten sich die Verschwörungstheorien eben in diese Richtung gewendet.
23. November 2010 at 10:21
euckenserbe
Ich hatte i.B. auf Ostrovsky bewusst auf David Harnasch bei der Achse verwiesen, der die Glaubhaftigkeit des Autors ausreichend gewürdigt hat.
Man kann Barschel ja viel zutrauen. Aber die Nummer mit Iran/Israel ist wirklich völlig absurd für einen norddeutschen Provinzfürsten.
Die Lustreisen zu den Stasinutten nach Warnemünde finden sich sehr wohl in deren Akten und sind nicht der Ausfluss eines ehemaligen Mossad-Mannes. In sofern ist eine Verknüpfung hier zwar nicht wahrscheinlich aber wenigstens möglich.
Es geht nicht darum, bei wem Ostrovsky Agent gewesen ist, sondern dass seine Hypothesen eben überhaupt nicht glaubhaft sind und trotzdem für “bare Münze” genommen werden.
Eine solche Geschichte gehört allenfalls unter “vermischtes” und nicht auf die Titelseite – wenn überhaupt. Und das war es, worum es mir ging.
23. November 2010 at 16:27
yael1
Nochmal David Harnisch:
Als Motiv für einen Mord an Barschel führt er an, dass der Politiker alles über einen geheimen Waffenhandel zwischen Israel und dem Iran gewusst habe, der über schleswig-holsteinischen Boden ging. Demnach musste er sterben, weil er sein Schweigen brechen wollte. “
Das kann man melden. Man könnte auch das Buch Ostrovskys lesen, was ausgesprochen amüsant ist, denn es strotzt vor offensichtlichen Lügen. Dann aber wüsste man, dass diese Geschichte hinten und vorne hinkt. Im selben Abschnitt erklärt Ostrovsky, dass der Privatdetektiv Pfeiffer, der im Auftrag Barschels Björn Engholm ausspionierte ebenfalls auf der Payroll des Mossad stand und sich absichtlich besonders tapsig angestellt hat. Wenn ein Wissenschaftler feststellt, dass Details in Harry Potter tatsächlich einer physikalischen Prüfung standhalten, ändert das nichts daran, dass das Buch Fiktion ist.”
Es ist doch so, man kann wieder einmal einfach irgendwelche Verbrechen oder Unglücke auf der Welt den Juden in die Schuhe schieben. Das funktioniert auch mit dem Tzunami oder dem Erdbeben in Haiti. Natürlich sagt man heute nicht mehr die Juden, sondern Mossad oder Israel, die stellvertretend für Juden stehen. Wer das alles für bare Münze nimmt und nicht hinterfragt, dem ist nicht zu helfen.