Die taz macht sich bekanntlich immer wieder große Sorgen über das “Profil” der ihnen nahe stehenden ergo linken Parteien. Dabei wird nach jedem intellektuellen Strohhalm gegriffen, so abgekaut er auch sein mag und so verwundert es nicht weiter, dass mehrere taz-Autoren auf dem gleichen Halm herumkauen. Im Frühjahr durfte Waltraud Schwab ran und das Buch “The Spirit Level” der britischen Sozialisten Kate Pickett und Richard Wilkinson abfeiern, in dem behauptet wird, Gleichheit sei wichtiger als Freiheit. Als Schwabs begeisterter Artikel in der taz erschien, wunderte ich mich etwas über die Thesen der beiden angeblichen Wissenschaftler und stellte mit wenigen Google-Anfragen fest, dass Wilkinson in einem Artikel für den Guardian feststellt, dass Kuba besonders gleich und damit besonders gut sei.

Jetzt darf Stefan Reinecke ran und das Comeback eines “alten Wertes” bejubeln. Leider liegt bisher noch immer kein vergleichbar dämliches Buch vor und so musste sich Reinecke “The Spirit Level” von seiner Kollegin Schwab ausleihen und ganze sieben Monate später noch einen begeisterten Text zu dem britischen Buch abliefern. Und er legt sich ordentlich ins Zeug: Konservative und Neoliberale Feinde, höhere Lebenserwartung in Bangladesch als in Harlem:

“[In Staaten mit "sozialer Gleichheit"], werden die Leute älter, die Kindersterblichkeit ist geringer, und die Bürger vertrauen sich gegenseitig eher. Sie recyceln mehr Müll, es gibt weniger Mörder, Drogenabhängige, Übergewichtige und psychisch Kranke.”

Ja, sie lesen richtig. Es sind wahre Paradiese diese Gleichheitsländer, die dummen Menschen sind nur zu blöd, es zu kapieren und leben dann doch lieber in den Höllenländern mit fürchterlicher Ungleichheit. In Schwabs Text kommt dieser Teil übrigens auch vor, dort liest sich die Aufzählung aber noch absurder, klingt noch mehr nach Thomas Morus und Wolkenkuckucksheim, die Probleme

“Lebenserwartung und Säuglingssterblichkeit, Mord und Selbstmord, Teenager-Schwangerschaften und Fettleibigkeit, psychische Erkrankungen und Sucht, Bildung und soziale Mobilität”

können nur durch Gleichheit gelöst werden. Toll, oder?

Aber dann kommt’s: Reinecke erkennt, dass sich diese Vorstellung wahrscheinlich nicht durchsetzen lässt:

“Denn in der hedonistischen Popkultur ist für Gleichheit kaum Platz. Was dort zählt, sind individueller Stil und Selbstverwirklichung – Freiheiten halt. [...] Freiheit im Konsumkapitalismus meint Genuss, Lust ohne Verbindlichkeit, Individualität. Es ist ein Versprechen, das auch herbste Enttäuschungen übersteht und gegen das kein Kraut gewachsen zu sein scheint. Dieser Freiheitsbegriff ist der wirksamste Verbündete des Neoliberalismus.”

Stimmt. Und diese als “Freiheitsbegriff” bezeichneten Freiheiten werden jedem Paradies der Gleichmacherei die Bevölkerung absaugen, wie es in Kuba geschieht, wie es in der DDR und dem gesamten Ostblock geschah. Die sozialen Experimentierer haben so schöne Vorstellungen, wie der neue Mensch geschaffen werden kann, wie eine Gesellschaft “effizienter” organisiert werden kann und vieles mehr, aber am Ende sind dann doch immer wieder Mauern, Lager und Repressionen nötig, um diese sozialistischen Segnungen einzuführen. Und am Ende steht immer wieder der Untergang, weil niemand freiwillig auf die Chance verzichtet, ein besseres Leben zu führen. Reinecke, Schwab, Castro und viele andere Gleichmacher verstehen das nicht, widerspricht es ihren eigenen Überzeugungen doch in jeder Hinsicht.

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