Richard David Precht ist ein Vorzeigeintellektueller, der sich glaubhaft vom marxistisch-leninistischen Elternhaus emanzipiert hat. Ein Liberaler muß er deshalb noch lange nicht sein. Seinen Salonsozialismus, den er auf dem FDP-Zukunftskongress vortragen wird, hat er vorab schon mal bei SPON veröffentlicht. Er konstatiert Soziale Kriege und die Lithanei von der grösser werdende Schere zwischen arm und reich wird genauso gesungen wie die Hypothese vom unmoralischen Markt. Dass er die ordoliberale Freiburger Schule dafür in Anspruch nimmt, ist bestenfalls ein Irrtum und bedarf des Widerspruchs. Prechts Grundhypothese lautet: Es gibt eine wachsende “reichlich durchmischte” dissoziale Unterschicht und die Mittelschicht fürchtet sich vor dem sozialen Abstieg. Weil der Gemüsehändler an der Ecke als ordentlicher Kaufmann agiert, akzeptieren wir auch seine kopftuchtragenden Mädchen.

Er hält die Islamisten nicht für bedrohlich, sondern

sondern die Moralferne der Halbintegrierten, die Melange von religiösem Machismo und Gangsta-Kult, islamistischem Chauvinismus und westlichem. Was die Kinder von Allah und 50 Cent gefährlich macht für unseren sozialen Konsens, sind nicht Gene oder Glaube. Gewalttätige Migranten sind nicht in erster Linie von religiösen Wahnvorstellungen unheilvoll beseelt, sondern weit häufiger von Drogen. In diesem Punkt unterscheiden sie sich nicht von Deutschen.

Erster Widerspruch: Hier geht es nicht um das Entweder-oder sondern das sowohl als auch. Auch der Fundamentalismus erzeugt Gewalt in Form von Terrorismus aber auch gegen all diejenigen, die in ihn hinein geboren werden und in  ihm gefangen sind.

Wenn der Streit um Kopftücher, Karikaturen und Koran-Verbrennungen solche Aufregung verursacht, dann deshalb, weil solche Symbole beiden Seiten helfen, die Welt kurzfristig einfacher zu machen, als sie ist.

Der nächste Irrtum. Wir halten Bibelverbrennungen genauso aus, wie die Tatsache, dass nach Saudi-Arabien eine solche nicht einmal zum Zwecke der Verbrennung eingeführt werden darf. Auch der Begriff Streit ist irrtümlich. Würde ein amerikanischer General im Vorhinein nicht ein solches Bohai um die “Koranverbrennung” eines kirren Provinzsektierers gemacht haben, sie wäre vermutlich nicht mehr aufgefallen.

Unsere Gesellschaft, unser Wirtschaftssystem, züchtet den Egoismus an allen Fronten. Das Problem dahinter ist nicht neu, es ist der Konflikt zwischen Liberalismus und Demokratie. Die Idee des Liberalismus ist der Freiheit verpflichtet, die Idee der Demokratie einer weitreichenden Gleichheit. Je freiheitlicher eine Gesellschaft, umso gefährdeter der gesellschaftliche Konsens. Niemand sah dies so scharf wie die Denker der “Freiburger Schule”, die Väter der “sozialen Marktwirtschaft”. Wirtschaftspolitik war für sie auch ein moralisches Erziehungsprogramm, um die Werte der Freiheit mit den Werten von Fürsorge und Anstand zu versöhnen.

An diesem Absatz ist nun wirklich alles falsch. Freiheit ist ein individueller Wert, Demokratie ein Legitimationssystem, dessen historische Qualität darin besteht, dass Köpfe gezählt und nicht eingeschlagen werden. Precht sagt Demokratie und meint Sozialismus. Die Korrelation zwischen zunehmender Freiheit in einer Gesellschaft und mangelndem Konsens wird behauptet, kann aber nicht bewiesen werden. In den unfreien sozialistischen Gesellschaften von der DDR bis hin zu Chavez ist der gesellschaftliche Konsens so harmonisch, dass er deFacto nur mit Selbstschußanlagen und Waffengewalt hergestellt werden kann.

Dass Precht auch noch die “Freiburger Schule” für seinen Vulgärsozialismus in Anspruch nimmt, dürfte auf zahlreichen Friedhöfen zu heftigsten Erdbewegungen führen. Der Ordoliberalismus sah Wirtschaftspolitik gewiss nicht als “moralisches Erziehungsprogramm”. Er wollte nicht die Gleichheit und Moral, die Fürsorge und den Anstand befördern, sondern die Freiheit des Einzelnen. In ihm schützt die Ordnung negativer Regeln die Freiheit des schwachen vor dem starken und dem Staat.

Precht nimmt auch noch namentlich Wilhelm Röpke in Anspruch, der behauptet habe, die marktwirtschaftliche Ordnung beruhe auf Voraussetzungen, die sie nicht erzeugen könne. Damit war gemeint, dass ein starker Staat, die Ordnung setzt, in der der Wetttbewerb nicht länger frei, sondern fair verläuft. Fair ist Wettbewerb dann, wenn niemand seine Markt-Macht ausnutzt, um den anderen zu einem Verhalten zu zwingen, dass der in Freiheit nicht wählen würde.

Wettbewerb ist kein menschgemachtes System wie die Planwirtschaft oder die staatliche Kameralistik. Wettbewerb ist das Funktionsprinzip der biologischen und der sozialen Evolution: das beste Verfahren zur Entdeckung neuen Wissens (F.A. von Hayek). Wissen ist Wohlstandsgarant und neues Wissen ist Wohlstandstreiber.

Antrieb des Menschen im Wettbewerb ist das Eigennutzaxiom und nicht die Moral. Die ist meist Ausbund von religiösen und anderen Regeln, die bei Abwesenheit des staatlichen Gewaltmonopols der Neuzeit das menschliche Zusammenleben regeln sollten. Seit das staatliche Gewaltmonopol Mord und Totschlag verbietet, ist Moral Privatangelegenheit, schon alleine, weil jeder etwas anderes darunter versteht.

Recht geben muss man Precht in seiner Analyse der politischen Klasse und der Analyse der schlicht falsch funktionierenden politischen Entscheidungsmechanismen, die den Politiker deformiert, wenn er im System dauerhaft Erfolg haben will. Dass der Demokrat für die richtige Analyse die falschen Beispiele bringt, sei ihm verziehen (Atomausstieg und Stuttgart 21, was sonst).

Precht übt sich in der Kunst, der Vision des Sozialismus ein neues Wording zu geben. Er versteht das Marketing des 21. Jahrhunderts richtig und folgt dem protestantischen Zwang auf Konsumverzicht.  Dazu predigt er natürlich den Ausstieg aus dem “materialistischen Wachstumswahn”.

Wie bereits oben dargestellt ist Wachstum letztlich das Produkt neuen Wissens. Er verbessert spürbar die Lebensqualität. Die Wachstumskritiker sind stets dass Gegenteil von dem, was sie vorgeben zu sein: Sie sind Egoisten, weil ihnen ihr Lebensstandard reicht und der der Afghanen, Inder und Afrikaner herzlich egal ist. Nur wenn die Wirtschaft wächst, die Weltwirtschaft, und damit die wirtschaftliche Verflechtung, die mit dem marxistischen Kampfbegriff “Globalisierung” abstrakt dämonisiert wird, haben mehr Menschen auf dieser Welt eine Chance, ein auskömmliches Leben zu führen. Das ist die Moral der Egoisten.

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