Der Evangelische Pressedienst meldet heute bahnbrechende Forschungsergebnisse aus der Welt der Rassismusforschung: Einen “weit verbreiteten und oftmals versteckten Rassismus“ hat Dr. Eske Wollrad vom Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Universität Oldenburg in Kinderbüchern ausgemacht, unter anderem im Klassiker „Pippi Langstrumpf“. Diese schockierende Enthüllung schaffte es sogar in die BILD. Wollrad ist keineswegs nur „Theologin“, wie uns das Boulevardblatt glauben machen will, sondern eine ausgewiesene Expertin auf vielen Gebieten:

Sie promovierte zu afrikanisch amerikanischer feministischer Theorie und Theolo­gie, forscht zu Rassismus, den Critical Whiteness Studies, Weißsein und Postkolonialismus und hielt zahlreiche Vorträge in Europa und den Americas.

Alle Achtung. Das Thema ihrer Promotion lautete übrigens: “Wildniserfahrung. Womanistische Herausforderung und eine Antwort aus Weißer feministischer Perspektive”. In ihrer Eingenschaft als Rassismusexpertin äußerte Wollrad in besagtem Interview scharfe Kritik an „Pippi Langstrumpf“:

“Astrid Lindgren erklärt Pippis Hang zur Lüge mit ihrem langen Aufenthalt in Afrika und ihre Verrücktheiten mit ihrer Nähe zu den ‘Negern’”

Das klingt tatsächlich abstrus. Solche Nebenwirkungen sind bisher nur bei Besuchern von „Critical Whiteness Studies“-Seminaren beobachtet worden.

Außerdem würden sich schwarze Kinder in Taka-Tuka-Land “mehrfach” unterwürfig verneigen. Diese Entdeckungen sind laut der postkolonialen Feministin Wollrad aber nur die Spitze des Eisbergs, denn auch andere Bücher wie “Elmar, der bunte Elefant” und “Das hässliche Entlein” zeigen, “dass Andersartige nicht dazu gehörten”. “Das ist Gift der frühen Jahre” mahnt die kritische Weißheitsexpertin.

Bücher sind aber nicht nur dann rassistisch, wenn es um „anders sein“ geht, sondern auch, wenn es nicht darum geht, dann sogar ganz besonders. Geschickt versteckt sich der schlimme Rassismus dort,  wo die “heile Kinderwelt” als rein weiß beschrieben wird: “Das hat doch nichts mehr mit unserer multikulturellen Gesellschaft zu tun” empört sich Wollrad.

Deswegen lernen  Mädchen und Jungen in Büchern auch selten, “wie mit Vielfalt umgegangen werden könne”. Und das ist schließlich der Sinn von Kinderbüchern, und nicht etwa das Erzählen spannender Geschichten. Leider unterstützen “unzählige Kinderbücher noch immer das Gefühl, dass Weiße überlegen seien und ein Privileg auf Herrschaft, Besitz und Namen hätten”.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder davor zu schützen durch die Lektüre von Machwerken wie “Elmar, der bunte Elelefant” zu vorurteilsbeladenen Rassisten heran zuwachsen? Wollrad empfiehlt,”rassistische Passagen nicht totzuschweigen, sondern mit den Kindern darüber zu reden”. Es bietet sich auch an,  “in den Büchern Figuren bunt anzumalen und Fotos von Kindern mit anderen Hautfarben einzukleben”.

Wenn das nichts hilft sollte man vielleicht mit der ganzen Familie eines von Wollrads rassismuskritischen Seminaren zum Thema “Weiß-Sein” belegen. Dort kann man unter anderem lernen, „den Fokus auf die eigene Position im rassistischem System zu richten; hinzuschauen, was die eigene „Weiße“ Position und eigene „Weiße Privilegien“ darin für eine Rolle spielen“ und dann „mit Hilfe einer kritischen Reflexion des eigenen „Weißseins“ „die Ebene der Schuld und des individuellen Versagens verlassen und stattdessen eine Ebene von „Weißer“ Verantwortung“ erschließen.

Wenn die lieben Kleinen dann immer noch Nachhilfe im weißheitskritischen Diskurs brauchen, dürfte dieser Text “zur Dekonstruktion von Weißsein” alle Unklarheiten ausräumen:

Die Dinge werden sich in dem Maße ändern, wie es gelingt, Weißsein in seiner Verwobenheit mit anderen normativen Konstruktionen zu benennen und zu analysieren, wobei diese Positionierung innerhalb der »Matrix der Dominanz« nicht Fixierung bedeutet, sondern auf einem Verständnis von Weißsein als hergestellt (Weiß werden) und immer wieder neu herzustellend (Weiß bleiben) beruht. Ein solcher Zugang ist erstens kontextuell, weil berücksichtigt wird, dass Weißsein sich unter historischen Bedingungen, in spezifischen Räumen und politischen Verhältnissen je unterschiedlich konstituiert und auch innerhalb eines Bezugsrahmens wechselnde Bedeutungen annehmen und wechselnden Körpern eingeschrieben werden kann. Zweitens eröffnet dieser Zugang Handlungsfelder, die angebliche Kohärenz des weißen Selbst zu destabilisieren, denn wenn Weißsein von Aufführungen »lebt«, dann sind auch Gegen-Aufführungen möglich, die Illoyalität gegenüber Funktionsweisen weißer Vorherrschaft bekunden.

Mutigen afrikanisch-amerikanischen-feministischen  Theolo­gInnen und Rassismus-, Critical Whiteness Studies-, Weißsein- und Postkolonialismus-ExpertInnen wie Wollrad ist es zu verdanken, dass in „Pippi Langstrumpf“ jetzt einige Passagen politisch korrekt umformuliert worden sind. Doch es gibt noch viel zu tun, denn „die schwarzen Kinder verbeugen sich immer noch“.  Sieht ganz so aus, als bräuchte Taka-Tuka-Land dringend eine Antirassismusbeauftragte. Das wäre doch ein Job für Frau Dr. Wollrad.

PS: Ein etwas älterer aber packender  TV-Bericht zum Thema “Rassismus und Sexismus  im Kinderbuch”.

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