Wohin Kollektivismen führen können muss gerade ein muslimischer Rentner aus Gütersloh erfahren. Der Mann war im Frühjahr dieses Jahres mit dem Rad unterwegs und wurde von einem Auto erfasst. Er wurde so schwer verletzt, dass er heute noch unter den Spätfolgen leidet. Die Versicherung des Autofahrers musste ihm Schmerzensgeld- und Schadenersatz zahlen, weigerte sich aber, den sogenannten Haushaltsführungsschaden zu begleichen. Diese Zahlungen sollen es Unfallopfern ermöglichen für die Zeit, in der sie nicht zur Arbeiten in Haus und Garten in der Lage sind, eine Hilfe zu beschäftigen.  Die zuständige Sachbearbeiterin hatte sich in PI-Manier den Koran vorgeknöpft und dort unter anderem Sure 4.34 ausfindig gemacht, die sie als Beweis dafür anführt, dass ein Muslim ohnehin nicht im Haushalt hilft. Besagte Sure räumt zwar dem Mann das Recht ein seine Frau zu züchtigen, über die Arbeitsteilung beim Geschirrspülen und Badputzen findet sich dort allerdings nichts. Trotzdem weiß die Koranexegetin im Rang einer Versicherungskauffrau genau über die Zustände im Haus des unglücklichen Fahrradfahrers Bescheid:

“Die traditionelle Ehe wird in der Regel nicht als Paarbeziehung verstanden; sie dient der Gemeinschaft. Es kann also nicht vom Vorbild der deutschen Ehe ausgegangen werden, wo sich die Eheleute den Haushalt teilen…Nach dem patriarchalen und traditionellen Mannesbild in der muslimischen Ehe führt der Ehemann nicht den Haushalt.”

Dass es sich bei dem Unfallopfer um einen traditionellen Patriarchen handelt schloss die findige Sachbearbeiterin auch aus der Tatsache, dass er bereits 1959 nach Deutschland gekommen war und in fortgeschrittenem Alter eine jüngere Frau geehelicht hatte. Der Anwalt des Mannes findet das “fast rassistisch” und weist darauf hin, dass die Ehefrau des Betroffenen einer Erwerbstätigkeit nachgeht, weswegen  ein Großteil der Arbeiten in Haus und Garten sehr wohl vom Patriarchen höchst selbst durchgeführt werden müssten.

Tatsächlich stellt sich die Frage, ob Versicherung mit Katholiken, CSU/CDU-Mitgliedern und Volksmusikfans nicht ganz ähnlich verfahren müssten, schließlich sind auch diese Gruppen dafür bekannt, dass die Rollenverteilung in der Ehe konservativ gehandhabt wird. Es ist völlig in Ordnung, wenn Versicherungen einem Unfallopfer, das noch nie einen Finger für den Haushalt gekrümmt hat, keinen finanziellen Ausgleich für eine Haushaltshilfe  bewilligen wollen. Aber das darf nicht mit der (angeblichen) Zugehörigkeit zu einem Kollektiv begründet werden, sondern muss sich an den individuellen Lebensumständen festmachen.

Die skurrile Geschichte zeigt, wie zweischneidig die Instrumentalisierung von angeblichen kollektiven Identitäten ist, die sich in letzter Zeit wieder durch Forderungen nach mehr „Rücksichtnahme“ gegenüber “den Muslimen” bemerkbar macht. Gerade die berufsbeleidigten Funktionäre diverser Muslim-Verbände drohen gerne mit den “verletzten Gefühlen” ihrer drei Millionen Glaubensbrüder und -schwestern in Deutschland, um so ihren Forderungen an die Politik Nachdruck zu verleihen. Dass nur ein Bruchteil dieser Menschen von den Verbandsfunktionären vertreten wird stört dabei nicht. Das Zerrbild von „den Muslimen“ als cholerischen Anhängern einer rückwärts gewandten Kultur, deren dauergereizten Gemütern weder Fuballhymnen noch Schwimmunterricht zuzumuten sind, verdanken wir nicht nur den muselmanischen Überfremdungsfanatikern à la Sarrazin, sondern auch den Berufsmuslimen in Zivilgesellschaft, Politik und Medien. “Kultursensibilität” gegenüber den von diesen selbst ernannten Sprechern propagierten besonderen Bedürfnissen und Lebensumständen des angeblichen Kollektivs “Muslime” kann eben auch schnell in Diskriminierung nach dem Motto “die sind doch alle so” umschlagen.

Kollektivistisch begründete Zuschreibungen sind immer “fast rassistisch”, wenn sie auf ethnischen oder religiösen Zugehörigkeiten beruhen. Sie sind auch immer ungenau, denn jedes Individuum ist mehr, als die Summe der (eingebildeten) Kollektive, zu denen man es zählen kann. Das gilt auch für „die Muslime“.

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