Mit Thilo Sarrazin war ich selten einer Meinung. Die von ihm wesentlich mitgestaltete deutsch-deutsche Währungsunion halte ich für einen großen Fehler. Und die Tatsache, dass er die Berliner Bankgesellschaft nicht in die wohlverdiente Insolvenz schickte sondern aus Steuergeldern finanzierte, hatte die Folge, dass meine Tochter auf ihrer vorbildlichen Ganztagsschule von morgens bis um vier Uhr nachmittags nicht auf´s Klo ging. Weil die Toiletten so heruntergekommen und versifft waren, dass sie sich davor ekelte. Ansonsten vertritt der Mann eher etatistische und keynesianistische Ansichten, die ich nicht vertrete. Allerdings habe ich mich später über seine Spitzfindigkeit amüsiert, als er einen Speiseplan für Hartz-IV Empfänger entwarf oder ihnen bei kalten Außentemparaturen das Tragen warmer Pullover empfahl (was in meiner Familie Usus ist, weil das Heizöl auch dann teuer ist, wenn es billig zu sein scheint.). Auch das, was ich aus seinem Buch kenne, teile ich nicht in allen Punkten.

Die veröffentlichte Meinung in Deutschland tabuisiert in zunehmendem Maße scheinbare Mindermeinungen oder aber grobe Angriffe auf bestehende politische und soziale Strukturen. Eine große Anzahl sogenannter sozialer Einrichtungen oder aber auch Forschungsinstitutionen reagiert rigide, wann immer eine scheinbar orthodoxe Meinung oder radikale Hypothese ihre Existenz gefährdet. Das Sinnbild für diese Vogel-Strauß-Politik ist der späte Norbert Blüm, der “die Rente ist sischer” plakatiert, obwohl schon damals offensichtlich das Gegenteil der Fall war.

Vergleichbares gibt es auch beim Klima-Wandel zu beobachten. Wer die intellektuelle Armut in Zweifel zieht, dass die “globale Erderwärmung” von der Emission eines einzigen “Gifts” durch die Menschen abhängt, dass in der Natur in viel grösserer Konzentration vorkommt und produziert wird, wird dämonisiert.

Die  “Armutsforschung” in Deutschland muss ihre Existenz fortwährend legitimieren. Dabei kommt ihr eine Armutsindustrie zupass, die alleine im Stadtstaat Berlin über 2 Milliarden € einheimst und wie wir wissen in fünfstellige Monatsgehälter und ordentliche Dienstwagen ihrer Geschäftsführung investiert. Sie haben ein veritables Interesse daran, dass es nicht weniger Arme und Hilfsbedürftige (auch hilfsbedürftige Migranten) gibt sondern mehr. Am liebsten beschaffen sie sich ihre Umsätze selbst und stellen sie dann der Staatskasse in Rechnung.Die Realität sieht natürlich anders aus. Denn Deutschen – undzwar allen unter Einbeziehung der hier lebenden Menschen – geht es besser als vor 10 oder 20 Jahren. Von der Nachkriegszeit ganz zu schweigen. Niemand muß hungern, jeder kann eine warme Wohnung haben. Das Sozialstaatsgebot garantiert soziale Sicherheit und ein Leben in Würde. Was steigt ist die relative Armut. Anders gesagt, die armen werden genauso schnell reicher wie die Mittelschicht. Die Unterschiede in der Einkommensverteilung in der Bundesrepublik Deutschland sind seit ihrer Gründung und trotz Wiedervereinigung marginal. Anders gesagt: Die Reichen werden nicht reicher und die armen nicht ärmer.

So geht es letztlich auch Sarrazin. Seine statistischen Darstellungen sind richtig. Die “Unterschicht” wächst nicht, weil immer mehr Mittelschichtler “abrutschen”, sondern – wenn überhaupt – weil die “Unterschicht” immer mehr Kinder kriegt als die wohlhabenderen Menschen in Deutschland. Und auch seine Feststellung, dass weltweit Menschen, die aus einer muslimischen Kultur stammen, schwerer in andere Gesellschaften integriert werden können, ist nicht mal neu. Soweit er dies auf eine unterschiedliche “Kultur” zurückführt, kann ich ihm zustimmen. Wenn er das mit unterschiedlicher Genetik begründet, so ist mir das ebenfalls nicht neu. Im Groß- und Bildungsbürgertum war dies unabhängig vom 3. Reich immer gang und gebe.

Dass Kinder aus der Mittel- und Oberschicht viel mehr Chancen ergreifen können, liegt gewiß nicht hauptsächlich an ihren Genen. Sondern an der Förderung, die sie durch ihre Eltern schon im Mutterbauch erfahren.

Dabei sollte man sich allerdings hüten, die alltäglich bei RTL zelebrierte “Scripted reality” für bare Münze zu nehmen und so auf den Alltag derjenigen zu schließen, die keine Arbeit haben, ein geringes eigenes Einkommen erwirtschaften oder auf Sozialtransfers angewiesen sind. Die Fernsehmacher erfinden diese Geschichten und filmen sie mit “Laiendarstellern”, weil sich so viele “Asoziale” für ein tägliches Programm gar nicht finden ließen. Weil es sie nicht gibt.

Aus Sarrazin staatlichen Ganztagsbeschulungsmodellen spricht die sozialdemokratische Attitüde, dass es bis zur Emanzipation der Arbeiterklasse noch ein gutes Stück hin ist und solange das so ist, der Staat und die SPD doch besser wissen, was gut für sie ist. Aber das ist nicht mein Punkt.

Mir fehlt ein ordentlicher öffentlicher Diskurs, der nicht tabuisiert und alarmiert, sondern sachlich und in Ruhe widerlegt. Der aus einer genetischen Fliege keinen Elefanten macht und Ruhe bewahrt. Davon sind wir weit entfernt.

Wenn die Bundeskanzlerin der Bundesbank Personalempfehlungen auf dieser ungesicherten Basis gibt, ist das ein gefährlicher Tabu-Bruch. Denn die Bank ist unabhängig von der Politik und muß dies auch bleiben. Abhängig ist ihr Chef, der gerne an die Spitze der Europäischen Zentralbank wechseln will und dafür Merkels Stimme braucht. Merkels Verhalten ist nicht mal mehr ärgerlich sondern billigster Populismus.

Hoffnung macht die FAZ, in der Necla Kelek für Sarrazin Partei ergreift und Frank Schirrmacher das Buch zerreißt, ohne seine positiven Seiten vorher zu heben. Eine persönliche Erklärung, in der Sarrazin seine indefferente “Juden-Gen” Äußerung erläutert, wird von einem Artikel von Joachim Müller-Jung begleitet, der den hier von LaLibertine dargestellten Irrtum beleuchtet. So ist es richtig. Trotzdem kann ich mich Schirrmacher nur anschließen. Ein Rassist scheint mir Sarrazin nicht zu sein, ein Antisemit schon gar nicht.

About these ads