“Sarrazins Juden-Thesen empören die Bundesregierung” titelt SPON an erster Stelle. Und Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrates der Juden meint: „Wer die Juden über ihr Erbgut zu definieren versucht, auch wenn das vermeintlich positiv gemeint ist, erliegt einem Rassenwahn, den das Judentum nicht teilt.” Damit stellt Kramer, dem der zukünftige Präsident Graumann mit der Bemerkung in der Süddeutschen beispringt, Sarrazin stütze sich auf “die nationalsozialistische Rassentheorie”, nicht mehr in Frage als die Existenzberechtigung des Staates Israel, wie unter anderem vor einiger Zeit in der Süddeutschen und im Tagesspiegel zu lesen war.

Zuletzt löste der Neuhistoriker Shlomo Sand von der Universität Tel Aviv heftige Kontroversen aus: In seinem Buch “Die Erfindung des jüdischen Volkes”, das vor kurzem auch in Deutschland erschienen ist, behauptet er, dass es das Exil nach der Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels in Judäa gar nicht gegeben hätte. Die Idee eines jüdischen Volkes mit gemeinsamen Wurzeln sei eine Erfindung deutsch-jüdischer Historiker des 19.Jahrhunderts.

Mit anderen Worten: Diejenigen die das Existenzrecht Israels bezweifeln, bestreiten eine gemeinsame Abstammung der Juden, die irgendwie irgendwann und irgendwo schlicht die Religion angenommen hätten.

Und der Tagesspiegel fasst zusammen:

Zwei Studien offenbaren die gemeinsamen genetischen Wurzeln heute lebender Juden – und befeuern eine israelische Diskussion über jüdische Identität.

Wie die Wissenschaftler herausfanden, haben heutige Juden viele Gene von einer ursprünglichen jüdischen Bevölkerungsgruppe geerbt, die vor rund 3000 Jahren im Mittleren Osten lebte, in dem als Levante bezeichneten östlichen Mittelmeerraum. Damit sind die heute lebenden 13 Millionen Juden nicht nur durch Kultur und Religion, sondern auch durch ein gemeinsames biologisches Erbe miteinander verbunden.

Damit gibt die Wissenschaft Sarrazin in diesem Punkt Recht und verweist die Erregungsrethorik von Kramer, Guttenberg und Westerwelle in die Schranken.

Wer das WamS-Interview gelesen hätte, würde begreifen, dass der Mann lediglich aus einer bedenklichen Statistik pointierte Hypothesen gemacht, die diese erschreckend auf den Punkt bringen.

Seine Gegner setzen sich nicht mit ihm auseinander, sondern polemisieren ohne jeden sachlichen Bezug. Seiner Äußerung ähnlich ist übrigens “Bild der Wissenschaft“, die das Ergebnis der Studien wie folgt zusammen fassen:

 Auch wenn die Vertreter des jüdischen Volkes über den ganzen Globus verstreut leben, tragen sie doch ihre gemeinsame Herkunft im Genom mit sich.

Die öffentliche Diskussion und die Migrationsindustrie dämonisiert Sarrazin, ohne sich sachlich mit seinen Hypothesen auseinander zu setzen. Ein schönes Beispiel ist Lamya Kaddor in der Süddeutschen, die unter der Überschrift “Warum es mich nicht geben darf” ausreichend muslimische Beleidigtenrethorik präsentiert, ohne Sarrazin in einem einzigen Punkt zu widerlegen. Ihre Aufgeregtheit gipfelt in der Frage:

Seit einer Woche drängt ein neuer Erzähler auf den Plan: Thilo Sarrazin, SPD-Mitglied und Vorstand der Bundesbank, der seine kruden Weisheiten unter dem Deckmantel der Integrations-Debatte unters Volk bringt. Einige mögen sich über ihn und sein neues Buch ärgern. Andere mögen entsetzt sein, mit welcher Chuzpe er Gehässigkeiten von sich gibt. Doch der eigentliche Skandal ist nicht Sarrazin. In Deutschland gilt das Recht auf freie Meinungsäußerung; unsere Demokratie muss auch die Parolen der NPD ertragen.

Sarrazin als “Klartext-Politiker”?

Besorgniserregender und gefährlicher für das gesellschaftliche Gefüge sind all jene, die Sarrazins chauvinistische Darlegungen hoffähig machen. Das eigentlich Erschütternde ist der breite Raum, der ihm geboten wird. Wann kommt es vor, dass eine große Zeitung für ein Buch, das im Grunde nichts Neues erzählt, gleich an mehreren Tagen ganze Seiten frei räumt, um darauf Auszüge abzudrucken, weitgehend frei von jeder kritischen Begleitung? Der Autor wird im Gegenteil als “Klartext-Politiker” positiv apostrophiert. Seine Ausführungen heißen “Analysen”, dabei könnten Studierende im Grundstudium seine Argumente mühelos widerlegen.

Erst steht in dem Buch “nichts neues”, dann können Studierende im Grundstudium seine Argumente mühelos widerlegen. Was sich die Autorin der Zeilen aber einfach spart.

Die Debatte um Sarrazin, dessen Aussage, die Genetik sei überwiegend für die Intelligenz entscheidend, ich nicht teile, belegt vor allen Dingen eins. In der intellektuellen Auseinandersetzung in Deutschland geht es längst nur noch um Aufregung und nicht um die Grundsätze der Aufklärung.

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