Morgen jährt sich die Ermordung von Marwa Ali El-Sherbini, die in einem Dresdner Gerichtsgebäude vor den Augen ihres kleinen Sohnes und ihres Mannes niedergestochen wurde. Zum Politikum wurde der Fall, weil die deutsche Presse, einschließlich aller linksgepolten Leitmedien, es tage- und in einige Fällen sogar wochenlang nicht für nötig befunden hatte, über den Fall und seinen rassistischen Hintergrund zu berichten. Führende Politiker äußerten sich erst, als Deutschland in Teilen der muslimischen Welt massive (natürlich auch inszenierte) Empörung entgegen schlug. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft verhielt sich im Fall El-Sherbinis so, wie sie es meistens tut, wenn sie mit Menschenverachtung made in Germany konfrontiert wird:

Egal ob anlässlich der Pogrome gegen Asylbewerber in den 90ern oder der aktuellen Welle des Antisemitismus, immer sind es “Einzelfälle” und oft werden sie von “den anderen” begangen. Der Mörder Sherbinis wurde so zum “Russen” und die Antisemiten, dass sind immer nur die “Musels”.

Die autochtonen Deutschen haben mit rassistischer Gewalt im eigenen Lande demnach fast nichts zu tun, ja in gewisser Weise sind sie sogar Opfer, weil “dem Ausland” diese Differenzierungen fremd sind und dort stur so getan wird, als wären rassistische Verbrechen in Deutschland auch ein deutsches Problem. Deswegen klagen wir im Nachgang zu brennenden Asylbewerberheimen oder Synagogen gerne darüber, dass “man” jetzt wieder ein falschen Bild von uns bekommt, was umso schlimmer ist, da uns wegen “dieser Sache, mit der jetzt auch mal Schluss sein muss” ohnehin die ganze Welt für Nazis hält.

Anlässlich des letzten Spiels der deutschen Nationalmannschaft durfte ich mir einen für die deutsche Opfermentalität exemplarischen Dialog zwischen zwei Mitbürgern anhören die darüber lamentierten, dass es vor ein paar Jahren noch “undenkbar” gewesen wäre, mit Schwarz Rot Gold in der Hand jubelnd durch die Straßen zu ziehen. Da wäre man gleich “fertig gemacht” und als “Nazi” beschimpft worden. Jahrzehntelang wäre es in Fußballeuropa nur den Deutschen unmöglich gewesen, fahnenschwenkend ihre Nationalmannschaft zu unterstützen, während alles anderen das durften. Fernsehaufnahmen anlässlich des WM-Sieges 1990 erzählen freilich eine ganz andere Geschichte, aber Fakten haben das deutsche Selbstmitleid noch nie stören können.

Es spricht nichts dagegen, mit einer Deutschlandfahne in der Hand die Nationalmannschaft anzufeuern oder Lena die Daumen zu drücken. Trotzdem frage ich mich, warum bei all den schwarz-rot-goldenen Gefühlswallungen, die solche Events offenbar bei vielen meiner Mitbürger wecken, nicht auch ehrliche Emotionen möglich sind, wenn Menschen in unserem Heimatland Opfer von rassistischer Gewalt werden. Warum gibt es dann kein echtes Entsetzen und Empathie mit den Betroffenen anstatt dieses ewige Kleinreden, die Gleichgültigkeit und der beleidigte Hinweis, man habe schließlich persönlich nichts damit zu tun gehabt. Zu den Toren eines Thomas Müller oder den gesanglichen Qualitäten einer Lena haben die jubelnden Hurrapatrioten auf Deutschlands Straßen nichts beigetragen, und trotzdem reklamieren sie diese Erfolge im Namen eines neuen deutschen Nationalgefühls für sich. Wer auf die Siege der deutschen Kicker stolz ist, der sollte sich auch über das Versagen der deutschen Justiz und das kalte Schweigen unserer Zivilgesellschaft im Falle El-Sherbinis empören. Auch Patriotismus ist eben keine Einbahnstraße.

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