Berlin gibt über 4.000 € für die Betreuung je Vorschulkind aus. In Bayern und Baden-Württemberg ist es die Hälfte. Bei den Ergebnissen der nationalen PISA-Studien schlägt sich dieser Kapitaleinsatz nicht nieder. In der neunten Klasse sind die Berliner Schüler nicht mal Durchschnitt. Insbesondere Haupt-, Real- und Gesamtschüler sind etwa bei der Lesefähigkeit auf dem unterirdischen Bremer Niveau, dass sich übrigens seit Jahrzehnten innovativer sozialdemokratischer Bildungsreformen erfreuen darf. Das lässt in jedem Fall zwei Schlüsse zu: Mehr vorschulische Betreuung ist alleine kein Indiz für bessere Bildung. Und mehr Geld einfach auch nicht.

Meine Tochter ist Opfer des Berliner Bildungssystems. Allerdings ein priveligiertes. Sie geht in die neunte Klasse und genießt seit der Kita die Segnungen des Berliner Bildungssystems. Seit der Vorschule diene ich ziemlich durchgehend als Elternvertreter und auch als einer der diversen GEV-Vorstände. Auch hier ist die Analyse einfach: Es mangelt nicht an der Quantität sondern an der Qualität. Ideologische links-intellektuelle Reformen haben die Sache nicht besser gemacht.

Die Karriere begann im Kindergarten. Solange eine engagierte stellvertretende Leiterin dort den Betrieb organisierte, machte das Haus, das am Rande eines “Problemkiezes” liegt, einen ordentlichen Eindruck. Weil ich das Kind mit dem Fahrrad allmorgendlich dort ablieferte, konnte ich sehen, wie die beiden tunesischen Zwillingsmädchen und Kolja, der russische Junge, von den anderen Kindern spielerisch die deutsche Sprache erlernten. Die beiden Erzieherinnen, nett, engagiert und bemüht, befanden sich auf einem intellektuellen Niveau der von ihnen zu betreuenden Kinder. Die “Frühförderung” erschöpfte sich im alltäglichen Morgenkreis. Allerdings unternahm man einen einwöchigen Ausflug mit den Drei- und Vierjährigen, was Selbstbewusstsein und -Beschäftigung erheblich förderte. Weil wir beide berufstätig waren, finanzierte der Senat uns auch noch eine Tagesmutter. Ihre Tochter ging in den gleichen Kindergarten. Sie wohnte direkt gegenüber und holte die beiden Mädchen ab und betreute sie ggfs. bis 18.00 Uhr, wenn keiner von uns Eltern vorher zuhause war. Das dürfte einen Teil der hohen Betreuungskosten ausmachen, die Berlin von Bayern unterscheidet. Dort ist insbesondere auf dem Lande ab zwei Kindern eine Berufstätigkeit eines Elternteils praktische Illusion, weil ohne Chauffeurdienste weder der Sportverein im Nachbardorf noch die Klavierstunde zu erreichen wären. Die elterliche Obhut scheint dem Bildungsergebnis allerdings nicht wirklich zu schaden.

Auch unsere Tochter dürfte in jener Zeit alle herausfordernden Impulse der intensiven Beschäftigung der Eltern zu verdanken haben, die am Wochenende und auch am Abend regelmässig stattfand. Es wurde vorgelesen, gesungen, die endlosen Fragen wurden stets beantwortet und gemeinsame Ausflüge selbst in den nahegelegenen Biergarten wurden für spielerisches Lernen und Bewegung mit dem Fahrrad erst mit und dann ohne Stützräder genutzt.

Zu jener Zeit gab es in Berlin eine paradiesische Einrichtung: Die Vorschule. Sie war an die sechs-klassige Grundschule angegliedert. Weil sie das Glück hatte, per Los an einer der 25 Berliner Europaschulen angenommen werden, in denen die Hälfte der Schüler und Lehrer jeweils die andere Muttersprache sprechen und je Klasse jeweils eine Lehrerin/ein Lehrer in der “Partnersprache” zur Verfügung stand, lernte sie bereits in der Vorklasse so gut die Partnersprache, dass sie in der ersten Klasse dem Unterricht ohne Mühen folgen konnte. Leider muss ich feststellen, dass die angelsächsischen Lehrer in Konsequenz, Didaktik und Begeisterungsfähigkeit ihren deutschen Partnern hoffnungslos überlegen sind. Auch die Fairness in der Benotung ist ausgeprägt, wobei viele durchaus streng sind und hart benoten.

Anfang des Jahrhunderts verlegte das Land Berlin die Vorklassen an die Kindergärten. Statt Lehrern förderten nun wieder “Erzieher” mit einer zweijährigen Lehrausbildung die Schüler im Morgenkreis. Für die Europaschulen hieß dies übrigens, das die Kinder nicht mehr in der Vorklasse die Partnersprache lernen konnten, sondern zu Beginn der ersten einen Sprachtest zu absolvieren hatten. Eine wahre Gr0ßtat des kommunistisch-sozialistischen Senats zur Förderung der Chancengleichheit.

Auch die Klassen eins bis sechs lernte die Tochter gemeinsam mit all denen, die hinterher auf eine Realschule wechselten (spätere Hauptschüler gab es so gut wie keine, das ist aber auf den anderen Grundschulen anders). Die späterer Selektion und das längere gemeinsame Lernen hat sich Berlinweit also nicht positiv ausgewirkt, gleiches gilt für Brandenburg, wo die gleiche Praxis herrscht. Obwohl ich persönlich aus einem ganz anderen Grund ein Anhänger der sechsjährigen Grundschule bin: Die Pubertät findet später statt, die jungen orientieren sich an den Sechstklässlern und die Fünft-Klässler nicht an den Abiturienten. Auf dem Schulhof der Grundschule gibt es Flip-Flop und Tank-Top-Verbot und kein Problem mit Drogendealern.

Im real-existierenden Bildungssystem sind meine Erfahrungen als Vater derweil ziemlich ähnlich wie als Schüler in den Siebziger und Achtziger Jahre (wo ich schon Opfer zahlreicher Reformversuche war: Die Mengenlehre lässt grüssen). Die Qualität entscheidet. Oder anders gesagt: Es gibt vor allen Dingen viel zu viele schlechte Lehrer. Und die müssen die Schüler mit ihrer Unsicherheit und unbeabsichtigten Ungerechtigkeit ertragen, statt zu lernen, angespornt und gefördert zu werden. 

Wir brauchen nicht mehr Geld sondern Wettbewerb. Eltern müssen sich die Schulen aussuchen dürfen und die Schulen Schüler und Lehrer. Wer erfolgreich ist, muß wachsen dürfen, wer nicht erfolgreich ist, schließt. Lehrer müssen gefeuert werden können, wenn sie ihren Beruf nicht beherrschen. Dann wäre am meisten gewonnen.

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