Fast sah es so aus, als wäre es in Hannover zu einem antisemitischen Zwischenfall gekommen, als Kinder und Jugendliche auf einem Fest im Stadtteil Sahlkamp eine Tanzgruppe unter “Juden raus” Gebrüll mit Steinen bewarfen. Doch zum Glück war die Sache ganz anders, wie uns Hajo Arnds, Veranstalter der Festivität und Leiter des Stadtteiltreffs erklärt:

Demnach sei die Stimmung unter den Jugendlichen nach dem Auftritt einer Rap-Gruppe äußerst aufgeheizt gewesen. Als er anschließend die jüdische Gruppe ansagte, sei den Jugendlichen nach dem Stichwort „Israelische Tänze“ „die Sicherungen durchgebrannt“, erklärte Arnds. Nach den ersten Rufen hätten sie sich die Steine von einem Haufen am Rand des Markts gegriffen. Arnds verteidigte seine Entscheidung, nicht die Polizei zu rufen. Er habe sich für „Deeskalation“ entschieden, da die jüdischen Tänzer rasch von der Bühne gegangen und dann in Sicherheit gewesen seien.

Juden weg, alles gut. Aber es kommt noch besser. In Sahlkamp gibt es gar keinen Antisemitismus:

Im Rathaus bemüht sich der Leiter der Stadtteiltreffs, Hajo Arnds, die Menschen in seinem Viertel von diesem Verdacht fernzuhalten. Ja, manche Jugendliche würden dies manchmal abschätzig sagen, „ey, du Jude“ oder Ähnliches, räumt er ein. „Aber das ist doch nur die Spruchebene, kein wirklicher Antisemitismus.“ Er habe sich auch bei Lehrern und Schulleitern des Stadtteils erkundigt, mit klarem Ergebnis: „Keiner hat von irgendwelchen Vorfällen berichtet.“ Seine Botschaft ist eindeutig: Ja, es ist etwas Schlimmes, Verurteilenswertes geschehen. Aber Antisemitismus gebe es in seinem Viertel, unter seinen Jugendlichen nicht.

Rakip Dumlu, Leiter einer Hannoveraner Schule, bestreitet nicht, dass es sich um einen antisemitisch motivierten Vorfall gehandelt hat, gibt aber zu bedenken:

Nach Angaben Dumlus stammen die mutmaßlichen Täter aus einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt bekannt ist. Die Ärmsten aller Ärmsten seien dort in den Blöcken zusammengepfercht und von der Politik jahrelang übersehen worden. „Da konnte Bildung nicht rein in die Betonblöcke.“ Dumlus begrüßt den Vorschlag von Oberbürgermeister Stephan Weil, nach den Ferien Schulprojekte zum Thema Israel anlaufen zu lassen. „Damit gibt man das Signal, dass es unter den Kindern nicht zu Vorurteilen kommen soll“, sagte Dumlu.

Die Täter sind demnach eigentlich Opfer und ihr Judenhass ein Hilfeschrei für mehr Wohnraum und Aufmerksamkeit von Politikern. So weit, so platt, doch wenn man diesem Artikel glauben darf, dann gibt es eine ganze Reihe sozialpädagogisch wertvoller Projekte in Sahlkamp. Das Problem scheint demnach nicht darin zu liegen, dass man die “Ärmsten der Ärmsten” “übersieht”, sondern dass ein Teil der Bewohner die Botschaften der Toleranz, die man ihnen mit einer Menge Steuergeldern nahe zubringen versucht,  hartnäckig überhört

Zum Glück gibt es auch in Hannover klarsichtige Menschen, wie Yazir Shammout von der Palästinensischen Gemeinde:

„Auch wenn wir anderer Ansicht sind, gehen wir sachlich und zivilisiert miteinander um“, sagte Shammout. Er hoffe, dass die Steinwürfe nichts mit der Gaza-Politik Israels zu tun haben: „Leider wird die weit verbreitete Solidarität mit den Palästinensern, die dort leben, immer wieder missbraucht, um antiisraelische Stimmung zu machen – und von dieser ist es nur ein kleiner Schritt zum Antisemitismus, der wirklich niemandem dient.“

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