Wer hätte gedacht, dass sich ein Augenzwinkern so schnell in einen erhobenen Zeigefinger verwandeln kann: Samanthas Revolte gegen Verhüllungszwang und Sexverbot ist stumpfester Kulturchauvinismus. Die selbstironische Distanz, mit der die “SATC”-Frauen ihre kapitalistische Zurichtung zu Konsumpuppen betrieben, ihre coolen Gesten des gespaltenen Bewusstseins, das zwischen Feminismus und Zynismus vermitteln konnte, sie sind plumper Agitation gewichen. Die entrüsteten Muslime, die schwitzende Riesendekolletees bei Tisch als Affront empfinden, werden als Knallchargen der Reaktion gezeigt – dabei sind sie nur sittsam und kultiviert.

Diesen emotionalen Ausbruch erlitt SPON-Redakteur Daniel Hass bei der Besprechung von „Sex and the City 2“. Den Kommentaren unter dem Artikel nach zu urteilen ist er mit seinem Entsetzen über westliche Schlampen, die sittsame Araber mit kulturchauvinistschen Dekolletees terrorisieren, nicht alleine. In solchen Momenten wird mir bewusst, wie viele total verklemmte und zutiefst sexistische Linksspießer ich in meinem Leben schon kennengelernt habe. Woran kann das liegen?

Von den 68er haben wir gelernt, dass das Private politisch ist. Wie sieht es im Privatleben des verhuschten linken Wollpullischluffis aus? Seine Partnerin, um das passend gefühlsneutrale Wort zu benutzen, hat er nach ihren inneren Werten ausgesucht, also der Greenpeace-Mitgliedschaft und dem TAZ-Abo. Die Frau an seiner Seite ist aus demselben Grund ungeschminkt und unepiliert aus dem er labrige Kordhosen trägt und nie zum Friseur geht: Schöne Kleidung und ein gepflegter Körper stehen für Individualismus, Konsum und Luxus. Für Menschen, die immer noch daran festhalten, dass der Sozialismus eigentlich das bessere System war, ist ihre zur Schau gestellte mausgraue Antiästhetik daher politischer Protest.

Nicht nur ein schönes Outfit, auch Spaß im Bett ist Fehl am Platz in der linken Lebensrealität, die sich um sterbende Wale, die Schattenseiten der Globalisierung und die Verbrechen von USIsrael dreht. Ozeane mögen brodeln und Eisberge schmelzen, Herr und Frau AntiimperialistIn versagen sich in Zeiten des bevorstehenden Weltuntergangs Frivolitäten zwischen den Laken. Leider steht für politische korrekte Menschen der Weltuntergang eigentlich immer vor der Tür, auf Waldsterben folgte Klimawandel, auf den kalten Krieger Reagan die Cowboys aus dem Bush-Clan, und die Zionisten verhindern schon seit 1948 erfolgreich den Frieden im Nahen Osten.Wie soll da Freude am Sex aufkommen, wenn man permanent traurig, betroffen, empört und besorgt sein muss?

Für normale Menschen war Sex and the City eine harmlos-lustige TV-Serie um das (Liebes-)leben von vier New Yorker Frauen, für LINKE-Wähler, Greenpeace-Aktivisten und Reformhauskunden verkörpern Carrie, Miranda, Samantha und Charlotte alles, was sie verabscheuen: Eine Life-Style-Kolumnistin mit Schuhtick, eine toughe Juristin, eine nymphomanische PR-Agentin und ein Upper-Class-Hausmütterchen. SATC, das ist Blahnik statt Birkenstock, Make-Up statt Mahnwache, Cosmopolitan statt Che Guevara.

Und weil die vier Uptowngirls so weiß, so hedonistisch, so chic, so konsumgeil und so amerikanisch sind, ist es den reaktionären Linksspießern im SPON-Kommentarbereich erlaubt, ihre ganze Mysogynie, die sich in all den Jahren zwischen erdfarbenen Ökosackkleidern, unrasierten Achseln und muffigen Palifeudeln angesammelt hat, mal so richtig politisch korrekt rauszulassen:

Erstaunlich was in Sex and the City alles hineininterpretiert wird. Kulturkritik und Feminismus? Wo denn? Ist der zur Schau gestellte Materialismus dieser Fashion- Victims irgendwie ironisch dargestellt? Und umgekehrter Sexismus ist Feminismus?

zweitens muss ich sagen, dass sex and the city meinen respekt vor dem weiblichen geschlecht weiter gesenkt hat. kenne viele hochgebildete frauen die germanys next topmodel gucken oder eben sex and the city. das, im gegensatz zu germanys next topmodel, in sex and the city auch männer nur objekte sind macht das ganze nicht besser.
menschen die sowas gut finden sollte man das wahlrecht aberkennen. Frauen erniedrigen sich damit selbst. tragisch.

Die Kulturkritik ist diesem Film eigentlich imanent. Andererseits ist er die perfekte Hymne für selbstentfremdete Konsumzombies. Irgendwo muss der Nachwuchs für “Germanys next Topmodel” ja herkommen.

Im Prinzip reaktionärer konsumistischer inhaltsleerer Schwachsinn, der seine witzige Grundidee schon nach ein paar Folgen verbraucht hatte.Ja, auch mir kommen dann schon mal leise Zweifel an der rationalen Intelligenz des weiblichen Geschlechts, wenn dieses und anderes (“Suppenstar”, “Topmoppel”, Casting-Shows im allgemeinen, Daily-Soaps…) dort frenetischen Anklang findet…

Ich halte es für absolut provokant!
Man sollte nicht unnötig Salz in die Wunde streuen!
Ich verstehe nicht weshalb man nicht endlich aufhört die verschiedenen Kulturen gegenüber zu stellen!?!
Es sind nunmal verschiedene Kuluturen mit sehr unterschiedlichen Weltanschauungen, die beide zu re- und akzeptieren sind!

Womit dann zweierlei unwideruflich belegten wäre: Das weibliche Geschlecht ist minderwertig und das „Diktat der Mode“ und der „Konsumterror“ aus „Amiland“ sind mindestens so schlimm wie die realexistierenden islamofaschistischen Diktaturen und Fundi-Terroristen im Nahen Osten.

Die deutsche Linke ist eben ganzheitlich hässlich, innen wie außen.

BTW: Wie subversiv Mode sein kann zeigt diese kurze Doku über Designerinnen in Iran.

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