Der Guardian, als absolut unreputable Quelle in Sachen Israel hinlänglich bekannt, veröffentlichte vorgestern einen Artikel, der aus ein paar kryptischen Dokumenten die Behauptung konstruiert, Israel habe in den 70ern Atomwaffen an Südafrika verkauft. Ob das stimmt weiß ich nicht, Kenner bezweifeln es. Dass die deutsche Presse sich auf diese Meldung gestürzt hat überrascht nicht, Antizionismus geht bekanntlich immer. Die ganze Sache ist also eher langweilig  könnte man meinen. Tatsächlich lohnt eine genauere Betrachtung, denn wie es so schön heißt, wenn man mit einem Finger auf andere zeigt, dann weisen mindestend drei auf einen selbst zurück.

Aber der Reihe nach. Wie kam es überhaupt dazu, dass sich ausgerechnet Israel, Zufluchtsort für verfolgte Juden aus aller Welt, Mitte der 1970er Jahre mit den südafrikanischen Herrenmenschen einließ? Die National Party, die den Apartheidstaat mit eiserner Faust regierte, hatte aus ihrem Antisemitismus ebenso wenig einen Hehl gemacht wie aus ihrer Sympathie für Nazideutschland in den 1930ern und 40ern. Wenn man nicht gerade „Palästinafreund“ ist, dann scheint die israelisch-südafrikanische Freundschaft doch sehr erklärungsbedürftig.

Tatsächlich lag den Israelis lange Zeit nichts ferner, als eine enge Kooperation mit Pretoria. In den 1950ern und 60ern Jahren suchte man den Kontakt zu den jungen Staaten Sub-Sahara Afrikas. Eine scharfe Verurteilung des Apartheidsregimes war daher schon aus realpolitischen Gründen geboten. Israel gehörte damals auf der internationalen Bühne zu den schärfsten Kritikern der Rassistenclique vom Kap. Das war wohlgemerkt zu einer Zeit, als andere Demokratien westlicher Prägung nur sehr selten und sehr verhalten Kritik am realexistierenden Rassismus am Südzipfel Afrikas übten.

Die klare Positionierung auf der Seite der Apartheidgegner brachte dem jüdischen Staat jedoch keine engen Freunde auf dem afrikanischen Kontinent ein. Die Organisation of African Unity lehnten Israels Avancen zu Beginn der 70er Jahre vehement ab, sicher auch mit Blick auf arabische Ölmilliarden. Die afrikanischen Autokraten brauchten Geld, um ihre kleptokratischen Einparteiendiktaturen am Laufen zu halten. Die innovativen Israelis konnten zwar die Wüste zum Blühen bringen, aber nicht die Staatsschatullen füllen. Noch dramatischer stellte sich die Lage nach dem Yom Kippur Krieg 1973 dar, den fast alle afrikanischen Staaten zum Anlass nahmen um ihre Beziehungen zu Israel abzubrechen.

Der Yom Kippur Krieg dürfte noch aus einem anderen Grund ein Auslöser für die Annäherung an Südafrika gewesen sein. Der jüdische Staat hatte in den Tagen unmittelbar nach dem Angriff der arabischen Armeen in einem Zweifrontenkrieg verzweifelt um seine Existenz kämpfen müssen und dabei die Erfahrung gemacht, dass die USA mit der Lieferung dringend benötigter Waffen aus taktischen Gründen zögerten. Den Israelis wurde zum wiederholten Mal in ihrer jungen Geschichte vor Augen geführt, wie gefährdet das Überleben ihres kleinen Landes in Mitten von Feinden war. Jeder neue Freund, zumal wenn er wie Südafrika ein zahlungskräftiger Abnehmer israelischer Militärtechnologie war, war Jerusalem in dieser Situation willkommen.

Die Kooperation mit dem südafrikanischen Unrechtsregime erscheint vor diesem Hintergrund nicht mehr so unerklärlich. Überdies war sie nur von kurzer Dauer. Bereits 1987 verurteilte das israelische Kabinett die Apartheidpolitik des National Party und fuhr seine Kooperation schrittweise zurück. Die USA und viele westeuropäische Staaten hatten gerade mal zwei Jahre vorher Sanktionen in Gang gesetzt. Präsident P.W. Botha, der wenig später vom Reformer DeKlerk abgelöst wurde, war über diesen„Verrat“ der Israelis bis zu seinem Tod im Jahr 2006 tief empört.

Das Fazit dieses kleinen historischen Exkurses liegt auf der Hand: Israels gute Beziehungen zu Pretoria waren von weitaus kürzerer Dauer als die der meisten anderen demokratischen Staaten westlicher Prägung. Obendrein war Israel das einzige entwickelte Land, dass durch internationale Isolationspolitik förmlich in eine Kooperation mit Südafrika gedrängt wurde. Der früherer Meretz-Minister Yossi Beilin brachte es der NY-Times gegenüber auf den Punkt “an unholy alliance that Israel, in its isolation, forged with the apartheid regime.”

Allerdings ändern diese Umstände nichts am zutiefst menschenverachtenden Charakter des Apartheidregimes. Die Zusammenarbeit mit den Rassisten von der National Party ist ein Schandfleck für jedes freie Land und das gilt auch für Israel. Aber in weit größerem Maße gilt diese Feststellung für alle die demokratischen Staaten, die keinerlei existenzielle Zwänge in die Arme Pretorias getrieben haben.

Vor lauter Empörung über Israel sollten wir nicht vergessen, dass sich Deutschland „rühmen“ darf, einer der größte Finanziers der Rassistenbande in Pretoria gewesen zu sein. Noch heute laufen in den USA Prozesse gegen namhafte deutsche Firmen, darunter gegen die Deutsche Bank, die Dresdner Bank, die Commerzbank, und Daimler AG, wegen ihrer Verstrickungen mit dem Apartheidstaat. Unfaire Doppelstandards, gepaart mit dem unbedingten Unwillen zur Selbstreflektion, diese zwei Grundkonstanten der „Israelkritik“ zeigen sich demnach auch bei der Bewertung der Verbindung des jüdischen Staates mit Südafrika.

Das ist schade, denn statt dem sattsam bekannten Ritual des Israelbashings wäre eine kritische Bestandsaufnahme der intensiven und langjährigen Unterstützung, die der rassistische Unrechtsstaat ausgerechnet vom dem Teil der Welt erhalten hat, der sich so gern das Attribut „frei“ voranstellt, nötiger denn je. Die Frage, ob Demokratien mit mörderischen Regimen freundschaftliche Beziehungen unterhalten dürfen, ist keineswegs mit der Entsorgung des Apartheidstaates auf der Giftmülldeponie der Geschichte beantwortet worden, sie ist brandaktuell:

Wie gehen wir heute mit dem Geschlechterapartheidsstaat Iran um, der Zehntausende seiner eigenen Bürger ermordet und gefoltert und Millionen ins Exil getrieben hat, weil sie ethnischen oder religiösen Minderheiten angehören, homosexuell sind, oder einfach nur selbst bestimmt leben wollen? Wie verhalten wir uns heute gegenüber den Teheraner Islamofaschisten, die Terrorismus und Bürgerkriege im gesamten nahen Osten und Zentralasien fördern, ja sogar am Völkermord in Darfur beteiligt sind, und die vollmundig einen Genozid an den Israelis ankündigen?

Die Antwort findet sich hier. Die Schlussfolgerung kann nur lauten, dass wir gut daran tun würden aus unserer eigenen jüngeren Geschichte zu lernen, anstatt andere selbstgerecht zu belehren.

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