Harald Martenstein, von Beruf Feuilleton-Edelfeder, sorgt sich heute im Tagesspiegel darum, dass junge Muslime im Kino knutschen müssen (via ach gut). Seiner Ansicht nach ist das unveräußerliche Recht auf Ungeknutschsein in Gefahr, weil in Berlin ein Verein namens “Heroes” drei junge Muslime an Schulen schickt, um Werbung für einen aufgeklärten Umgang mit Partnerschaft und Sexualität jenseits von Jungfräulichkeitskult und Machogehabe zu machen (SPON berichtete). Martenstein befürchtet, dass die “voll angepassten” Heroes die eine oder andere züchtige Muslima (denn natürlich geht es hier nicht um muslimische Jungs, auch wenn Martenstein krampfhaft geschlechtneutral formuliert) von ihrem religiös motivierten Nonkonformismus abbringen und zu einem mitläuferischen Mitknutschen verführen könnten. Zwar hatte auch der junge Harald “Sex vor der Ehe”, aber angeblich nur deshalb, weil es “so üblich” und er ein “Anpasser” war. So weit, so unglaubwürdig.
Der Retter der sittsamen Migrantenmädchen sucht sogar Zuflucht bei den großen Denkern der Aufklärung:
Es gibt in Deutschland, zum Glück, kein Gesetz, das 16-Jährigen vorschreibt, im Kino zu knutschen, und im Geiste Voltaires müsste man wohl den Satz schreiben: „Ich knutsche täglich im Kino, aber ich bin bereit, bis zum letzten Blutstropfen das Recht jenes Geschöpfes zu verteidigen, nicht im Kino knutschen zu müssen.“
Erstmal: Es macht einen Unterschied, woran man angepasst ist und wie “Anpassung” durchgesetzt wird. Es ist eben nicht dasselbe, ob ein junges Mädchen samt Kopftuch in die arrangierte Ehe mit einem Unbekannten geht oder im Kino mit einem Jungen rumknutscht um nicht uncool zu sein. Es ist auch ein Unterschied, ob das Mädchen geprügelt, verstoßen oder gar getötet wird, wenn sie sich widersetzt, oder damit rechnen muss, von ihren Freundinnen ausgelacht zu werden, falls sie nicht mitmacht. Warum Herr Martenstein glaubt, dass die drei engagierten jungen Männer Mädchen zum Knutschen zwingen wollen bleibt ohnehin rätselhaft. Seine Argumentationsfigur erinnert stark an den Wahn fundamentalistischer Christen, die Akzeptanz von Homosexualität mit der Abwertung von Heterosexualität oder gar einer erzwungenen “Homosexualisierung” gleichsetzen.
Die Mitarbeiter von “Heroes” als “voll angepasst” zu bezeichnen, weil sie sich als moderne Muslime begreifen, zeigt zweitens die ganze Ahnungslosigkeit des Möchtegern-Multikulti-Experten Martenstein. Für viele Musliminnen und Muslime sind die Freiheiten, zu denen sich Herr Martenstein so offen bekennt und die er herablassend als “Anpassung” abtut, keine Selbstverständlichkeiten. Ein Blick in die Bücher von Seyran Ates, Hamed Abdel-Samad oder Neckla Kelek könnten da Aufklärung schaffen. Wahlweise tut es auch ein Gespräch mit einem Neuköllner Streetworker.
Noch seltsamer ist der Umkehrschluss: Diejenigen Jugendlichen, welche die Minderwertigkeit der Frau, die Legitimität gewaltsamer Züchtigung durch den Patriarchen und die Degradierung weiblicher Sexualität zu etwas Schmutzigem nicht in Frage stellen, das sind für Martenstein die wahren unangepassten Nonkonformisten. Dabei hatten diese Kinder nie wirklich eine Wahl, denn die krude Mischung aus primitivem Sexismus, rückständiger Tradition und Gossenislam, die ihnen von ihren Eltern eingetrichtert (und oft eingeprügelt) wurde, wird viel zu selten ernsthaft in Frage gestellt. Deutschen Lehrern und Sozialarbeitern, zumal den weiblichen, fehlt meist die Autorität, um die schrägen Weltbilder gerade zurücken. Die Heroes können diese Lücke füllen und tragen sicherlich dazu bei, dem einen oder anderen Jugendlichen den Weg in ein selbst bestimmtes Leben jenseits der Wertvorstellungen anatolischer Dörfer zu erleichtern.
Warum ereifert sich ein Berufsintellektueller, jemand der mit allen Freiheiten in einer pluralistischen Demokratie groß geworden ist und diese auch ausgekostet hat, über das lobenswerte soziale Engagement einiger junger Berliner? Wie kommt eine Nichtmuslim dazu Muslimen vorzuwerfen, sie würden mit ihrer Initiative ihre eigene Kultur zerstören? Martensteins Aufschrei demonstriert par excellence die Angst des deutschen Kulturschaffenden vor dem Eigensinn derjenigen, die er für seine Schutzbefohlenen hält. Henryk Broder brachte das vor einiger Zeit im Zuge der „Hassprediger“-Debatte für sich und seine „Schwestern“ Kelek und Ates auf den Punkt:
Es geht nur darum, dass die beiden „Türkenbräute“ und der „Judenlümmel“ sich nicht so benehmen, wie es von ihnen erwartet wird. Jammertürken, die ständig darüber klagen, wie sie diskriminiert werden, sind sehr beliebt. Ebenso Jammerjuden, die in jeder Talkshow erzählen, wie viele Angehörige sie im Holocaust verloren haben und wie sehr sie sich heute vor der NPD fürchten. Meine Schwestern und ich jammern aber nicht, wir sind aggressiv und offensiv und legen uns auch mit den Milieus an, aus denen wir kommen. Und außerdem brauchen wir niemanden, der für uns spricht.
Das ist in den Augen paternalistischer Linksintellektueller wie Martenstein das eigentliche Skandalon: Dass hier Muslime gegen verkrustete Strukturen und rückwärts gewandte Bräuche in ihren eigenen Communities angehen, obwohl unter ihren “Sprecher” in den Redaktionsstuben Konsens darüber herrscht, dass jeder der problematische Auswüchse des Islam thematisiert ein Hassprediger ist. Dass die Heroes auch noch westliche Werte und Freiheiten befürworten, die von einem Großteil der deutschen Feuilletonisten so gerne kritisch betrachtet, dekonstruiert, relativiert und hinterfragt werden, lässt diese Initiative um so unverschämter erscheinen. Da bleibt Martenstein nichts anderes übrig, als mit mit viel Trara die (vermeintlich) knutschunwilligen Muslimas in Schutzhaft zu nehmen, deren Recht auf das Kopftuch bekanntlich bereits von seinem FAZ-Kollegen Claudius Seidl bis zum Tode verteidigt wird.
Nachtrag: Sehr schöne Debatte zum Thema Feuilleton und Islamophobiephobie.
Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7
Ganz nebenbei kann man lernen, wie gelungene Integration klingt: Wenn sich ein Mann wie Abdel-Samad, der erst als Student nach Deutschland kam, besser artikulieren kann als Claudius Seidl, einer der größten Wichtigtuer aus der Riege der gutmenschlichen Edelfedern.






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31. March 2010 at 11:36
Donauwelle
Um zu der Feststellung zu gelangen dass das Kino gegen unsere Kultur ist braucht man kein Muslim zu sein, ganz im Gegenteil – das Kino funktioniert sehr ähnlich wie der Islam: Der größte Teil seines Publikums wird von naiven Eltern dort abgegeben, und wendet sich verbittert davon ab, sobald es anfängt zu begreifen wie der Betrieb funktioniert. Die wenigen, die ohne innerliche Kündigung länger dabei sind, täuschen sich selbst darüber hinweg dass sie eine Splittergruppe sind deren gesamte Vorstellung ohne die Ausbeutung der nachwachsenden Ressource Kinder längst vorbei wäre. Die Folge ist eine allgemeine Schicksalsverdrossenheit, weil alle existentiellen Gegenwartsauseinandersetzungen derart banalisiert und plagiiert werden dass sich kaum jemand mehr dazu motivieren mag sie real zu führen. Mit den immer sprunghafter steigenden Anteilen einzelner Filme am Gesamtumsatz der Branche ist ein klarer Kurs in Richtung Gleichschaltung gesetzt. Die Klassenzimmerhelden wären daher besser beraten sich auf das Thema Sexualität zu konzentrieren ohne andere Kontroversen mit einzurühren.
Zur Rezeptionsgeschichte ist anzumerken dass Herr Martenstein revisionistisch argumentiert. Promiskuität war zur Zeit seiner Jugend, ohne gewerbliche Fernsehsender und ohne Internet, aber mit Gehdochnachdrübenmentalität und mit Schwulenparagraph, noch etwas für Nichtanpasser. Er will aber aus Anpasserei promisk gewesen sein, obwohl doch der Weg des geringsten Widerstands ein anderer war. Einem aufklärerischen Ansatz sollte es aber nicht darum gehen Jugendlichen einen (anderen) Weg des geringsten Widerstands vorzulegen, sondern alle Wege offen zu halten. Vielleicht will er mit ganzen Verwirrspiel aber auch nur darauf hinweisen dass die sexuelle Selbstbestimmung, wie auch die Religionsfreiheit, aus einer positive und einer negativen Komponente besteht, deren jeweilige individuelle Verwirklichung freigestellt ist. Ich vermute, seine Frage zu den Schweineschnitzeln und den Schläfenlocken dürfte am besten damit zu beantworten sein, dass dann die jeweiligen Religionsgemeinschaften einige Vertreter schicken würden welche ebenfalls eine Unterrichtsstunde mit einem beisitzenden Journalisten gestalten. Diese Woche Hedonistische Heilsfront, nächste Woche Piusbrüder, das könnte doch mal ein lehrreicher Unterricht sein.