Gerade laufen die furchtbaren Bilder der Selbstmordattentate in Moskau über den Bildschirm. In immer wiederkehrenden Endlosschleifen bei BBC und CNN sieht man verwackelte Bilder von rasenden Polizeiautos und Rettungswagen, Feuerwehrleuten und Sanitätern, blutverschmierten Verletzten und Passanten, die die U-Bahn-Stationen verlassen. Unterlegt wird das ganze von einer Unzahl von “Experten”, Augenzeugen, die nur drei Straßenblöcke entfernt den Knall angeblich noch gehört haben und einen Putin-Biographen, der natürlich und sofort die Motivlage der Terroristen erklären kann, von denen man noch nicht mal weiß, wo sie herkamen.
Es ist das Dilemma der “Live-Berichterstattung”, die immer neue Fakten und Informationen liefern soll, wo keine sind. Man kennt die Zahl der Opfer und die Anzahl der Detonationen und das war es dann aber eben schon. Die Spekulation über Hintergründe und Motive ist vage und wird morgen schon vergessen seine. Es gibt nichts neueres zu berichten als vor 10 Minuten.

Ein vergleichbares Phänomen untersucht Harald Staun in der FAS: Die Berichterstattung über den “Fall Kachelmann”. Der wird der Vergewaltigung beschuldet und verhaftet, nur weil er keinen deutschen Wohnsitz hat und sich als Schweizer zuhause der Verfolgung durch die deutsche Justiz erfolgreich entziehen kann. Der erste Fehler unterläuft der FAS, die das von Staun kritisierte Bild Kachelmanns zeigt, wie er den Gefangenentransporter im Hof des Gerichtsgebäudes besteigt). Die Bildunterschrift spricht von einem Haftprüfungstermin, der nur ein Verhör war.

Stauns Resumée fehlt eindeutig aus:

Es ist beispiellos, wie sich in der vergangenen Woche ein Ton in die sogenannte Berichterstattung gemischt hat, der nicht einmal dann angebracht wäre, wenn Kachelmann letztlich angeklagt und verurteilt würde – erfahrungsgemäß kommt das Strafgesetzbuch mit der Sanktionierung von Verbrechen ganz gut alleine zurecht. Die traurige Pointe der medialen Gerichtshöfe aber lautet erschreckend oft: Völlig egal, wie die Sache ausgeht, der Mann ist sowieso erledigt.

So blind für die Performativität seines eigenen Sprechakts muss man erst einmal sein. Was sich als Bedauern ausgibt, ist selbst das Urteil.

Auch hier irrt der Mann in einem Punkt: Es ist eben nicht beispiellos. Wer als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gilt, hat medienrechtlich den Status eines Freiwilds erlangt. Wie im Mittelalter wo der vogelfreie Martin Luther von jedermann straflos hätte zur Strecke gebracht werden dürfen.

Nur die Waffen sind andere geworden. Sie heißen Kamera und SNG, Fotoapparat und Wort. Der Journaille ist das Institut der Unschuldsvermutung fremd, wenn sich damit Quoten, Zugriffszahlen und Auflagen steigern lassen. Die in die Kamera gehaltenen Gesichtern von Reportern, die “vor Ort” ihre Aufsager machen und doch nicht mehr wissen als der gemeine Zuschauer, verleihen der Aktion eine “journalistische” Authenzität, die sie gar nicht hat.

Journalismus ist ein Geschäft wie jedes andere. Die eigenen moralischen Ansprüche an sich selbst gehen verlässlich immer dann versehentlich unter, wenn es um die blanke Marie geht.

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