Margot Käßmann, erklären uns Alice Schwarzer und Bärbel Warttenberg-Potter, hat nicht etwa eine Straftat begangen, als sie sich in angeheitertem Zustand hinter das Steuer ihres Phaeton setzte. Vielmehr ist Trunkenheit am Steuer bei Bischöfinnen mit dem Herz auf dem Rechten Fleck ein Kavaliersdelikt, das Käßmanns menschliche Seite umso mehr betont. Uta Ranke-Heinemann sekundiert mit dem Hinweis, dass die ganze leidige Affäre sowieso nicht wichtiger sein kann als Käßmanns mutige  “Ablehnung von Krieg”. Die drei Klageweiber werden nicht müde, dass Lied vom Sexismus, dem Tribunal und der Häme zu singen, denen der blaue Engel von Hannover zum Opfer fiel, obwohl das Gegenteil der Fall war. Käßmann wurde mit Verständnis und Nachsicht geradezu überschüttet. Nach ihrem Rücktritt wurde sogar noch ein Loblied auf die “Geradlinigkeit” der trinkfesten Geistlichen gesungen. Neben diesem schrillen Opfermythos, der weiter von der Wahrheit nicht entfernt sein könnte, irritiert die permanente Betonung des “Mutes” der Bischöfin. So findet Warttenberg-Potter, der wir übrigens die Bibel in geschlechtergerechter Sprache verdanken,  Käßmann wäre „furchtlos“ gewesen und Uta Ranke-Heinemann schwärmt fast ein ganzes Interview lang vom einsamen Kampf der „mutigen“ Friedensfrau gegen die in Deutschland anscheinend ungemein zahlreichen Kriegsbefürworter.

Warum eigentlich? Wieso ist Käßmann „furchtlos“, wenn sie platt einen ahistorischen Pazifismus bedient? Warum ist sie „mutig“, wenn sie in einer rechtsstaatlichen Demokratie die Regierungspolitik kritisiert? Frauen, die sich mutig um Afghanistan verdient machen gibt es durchaus, die Provinzrätin Sitara Achikzai zum Besipiel, die ihren Kampf für die Rechte der Afghaninnen mit dem Leben bezahlt hat. Oder die Bundeswehrärztin Heike Groos, die traumatisiert aus dem Einsatz am Hindukusch zurück kam. Diesen Frauen und den vielen anderen Menschen die ihre Leben für ein besseres Afghanistan einsetzen ein „nichts ist gut“ entgegen zu schleudern und ihnen dann im überheblichen Sozpäd-Sprech „mehr Fantasie“ ans Herz zu legen, ist weder mutig noch furchtlos, es ist unverschämt.

Natürlich kann der Begriff „Mut“ auch für Menschen gebraucht werden, die unbequeme Debatten anstoßen. Das hat Käßmann allerdings nicht getan, sie hat nur die schlichte Schwarz-Weiß-Weltsicht der außenpolitisch uninformierten und am Schicksal der Afghaninnen und Afghanen uninteressierten Ohnemichels bedient. Es ist auch kein Zeichen von Mut, sondern spricht eher für das Gegenteil, wenn frau sobald sie Gegenwind bekommt die Sexismuskarte spielt. Genau das hatte Käßmann versucht, als Kritik an ihrer selbstgerechten Predigt laut wurde.

Ein Beispiel für das mutige  Aussprechen unbequemer Wahrheiten ist hingegen Westerwelles Kritik am ausufernden Sozialstaat. Gegen ihn läuft seitdem eine Kampagne in den linken Leitmedien und beim fröhlichen Guidobashing hat Käßmann kräftig mitgemacht. Was wäre eigentlich los gewesen, wenn Westerwelle betrunken mit einem Luxusschlitten durch die Berliner Nacht gekurvt wäre? Hätten dann auch sämtliche Kommentatoren vor Häme gewarnt und Verständnis gezeigt? Obwohl Westerwelle von der NPD beschimpft und bedroht wird, bekommt er anstatt des Attributs „mutig“ nur das Etikett „Rechtspopulist“ verpasst. Das verstehe wer will. Warum hat niemand Käßmann als „Rechtspopulistin“ bezeichnet, obwohl die NPD den Afghanistan-Einsatz eigentlich genauso sieht wie sie? Als Käßmann auf unerträgliche Weise die Verbrechen des Naziregimes relativierte und den Alliierten eine Mitschuld an Auschwitz andichtete, da regten sich nur ein paar der üblichen Verdächtigen auf, ansonsten herrschte donnernde Stille im Blätterwald.

Für Frauen, zu mal für solche die das Bild von der gutmenschlichen Gefühlstante aus der linken Ecke der Gesellschaft bedienen, gelten anscheinend andere Regeln als für Männer. Wenn sie sich zugedröhnt hinters Steuer setzen, dann spricht das für ihre Menschlichkeit. Wenn ihre Aussagen oder Fehltritte medial diskutiert werden, was bei Personen des öffentlichen Lebens nun mal unabwendbar ist, dann ist das ein „Tribunal“ und „hämisch“, egal wie zurückhaltend das geschieht. Wenn diese Sorte Frauen mit platten Sprüchen die linken Stammtische begeistert, dann ist das nicht populistisch sondern „mutig“ und jeder, der widerspricht, ist ein Sexist oder Kriegstreiber. Wenn eine wie Käßmann die Bombenholocaustsprüche der Glatzen- und Springerstiefelfraktion mainstreamkompatibel umformuliert, dann gilt das als verbale Friedensarbeit. Warum ist das so? Die Antwort auf diese Frage erinnert an ein zu Recht vergessenes One-Hit-Wonder aus den 90ern „Weil ich ein Mädchen bin!

Der Subtext der Käßmannapologeten, unter denen nicht zufällig auch einige als konservativ geltenden Männer sind, besagt, dass Frauen all das dürfen, weil sie anders sind als Männer: Sie sind von Haus aus gut, weswegen es infam ist, ihnen böse Absichten zu unterstellen. Frauen wie Käßmann wollen „Frieden“ und sorgen sich um „die armen Menschen“. Solche Frauen finden die Welt um sich herum „spannend“ und sich selbst „mutig“, wenn sie Dinge „hinterfragen“ oder auch „anprangern“. Sie wünschen sich einfach mal was, zum Beispiel, dass man damals die Opposition in Nazi-Deutschland gestärkt hätte. Wenn jemand darauf hinweist, wie kindisch das ist, dann sind sie traurig und auch ein Stück weit betroffen. Aufeinander zugehen, Fantasie haben, in sich hinein horchen, offen sein – das sind ihre Kernkompetenzen. Das natürliche Habitat der Käßmann-Frauen ist die Homöopathiepraxis, der Yogakurs und die Opferrolle.

Dieses Frauenbild, das die Bischöfin so perfekt verkörperte, ist nichts anderes als die renovierte Version der Geschlechterrollen des 19. Jahrhunderts. Damals sah man Frauen als ewige Kinder, emotional und sensibel, aber eben auch schwach und irrational. Deswegen sollen für Käßmann auch andere Regeln gelten, nämlich solche, die einem vorlauten Teenager angemessen sind, aber nicht einer erwachsenen Autoritätsperson in einer Führungsposition. Wenn Frauen ernst genommen werden wollen, dann dürfen sie für sich keine Sonderbehandlung beanspruchen und ihr Geschlecht nicht für einen Freifahrtschein jenseits der Straßenverkehrsordnung für Erwachsene halten. Von daher ist es zu begrüßen, dass Käßmann bis auf weiteres der Führerschein entzogen wurde. Auch Mädchen dürfen eben nicht alles.

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