Der Mann hat schon zu oft Abschied genommen, als dass man sicher sein könnte, dass wir nun Ruhe vor ihm haben. Hätte ihm die Wiedervereinigung nicht dazwischengespuckt, er hätte Helmut Kohl vermutlich bei den turnusmäßigen Bundestagswahlen 1991 in die Wüste geschickt. Vor dem Bundestagswahlkampf wurde er von einer verwirrten Frau in den Hals gestochen und haderte wochenlang im Saarbrücker Domizil mit dem Schicksal des wohl aussichtslosen Kanzlerkandidaten. Die SPD-Prominenz gab sich die Klinke in die Hand und ausreichend geschmeichelt trat er im fliederfarbenden Seidenhemd in den Ring gegen Sumo Kohl,  um die sichere Niederlage einzufahren. Wenigstens den SPD-Parteivorsitz und die Oppositionsführerschaft schloss er aus. Bis er 1995 wieder die bundespolitische Bühne betrat. Nomen est Omen. Im Mannheimer Rosengarten beendete Lafontaine per Kampfkandidatur die Interimsvorsitzenschaft Rudolf Scharpings, um 98 die Kanzlerschaft zu erringen. Doch diesmal war es nicht die deutsche Einheit sondern Gerhard Schröder, der ihm den Zugriff auf´s Kanzleramt verbaut. Als Schröder bei der Niedersachsenwahl triumphiert, verteilt der SPD-Vorsitzende Lafontaine der vor der heimischen Residenz weilenden Journaille mit süss-saurem Lächeln Schnaps gegen die Kälte. Ist doch egal, wer unter ihm Kanzler wird.

Dass er sich da in Schröder vertan hat, wird ihm schnell klar. Lafo zieht die Notbremse und wieder versammelt sich die Medienmeute vor dem Eigenheim im Saarland. Als “Privatmann” nimmt er den jüngsten Sohn auf die Schultern und hadert fortan mit der Niederlage.

Auch sein Comeback in der Linkspartei ist Teil des Abstiegs auf Raten. Als linker Sektierer schafft er es noch einmal in die Talk-Shows der Republik und ans Rednerpult des Bundestags. Doch nicht einmal sein alter Posten als Saarländischer Ministerpräsident ist wirklich in Sichtweite, auch wenn sie von der Meute mit Schaum vorm Mund herbei geschrieben wird.

Der Mann war nicht nur erst der Hoffnungsträger der SPD und dann der SED/PDS/Linken sondern auch sensibel. Das Attentat hat ihn getroffen, obwohl er weniger beeinträchtigt war, wie Wolfgang Schäuble, der ein halbes Jahr später querschnittsgelähmt blieb. Wie ich aus der eigenen Familie weiß, ist auch eine erfolgreiche Prostata-Krebs-Operation nicht notwendigerweise ohne unangenehme Nebenwirkungen.

Ein Hypochonder braucht man nicht zu sein, um einen solchen Schritt zu machen. Aber Lafontaine hat seit 1990, also seit 20 Jahren Erfahrungen mit dem Wiederkommen. Und mit seiner Position als Fraktionsvorsitzender in Saarbrücken hat er für die Talk-Show-Redaktionen immer noch eine Telefonnummer, einen persönlichen Referenten und einen Dienstwagen. Vielleicht ´ne Nummer kleiner als bisher, aber der öffentliche Nahverkehr wird auch in Zukunft nicht von ihm in Anspruch genommen.

Die SED/PDS/Linke wird ihm Westen ohne Lafontaine vermutlich untergehen. Dass das Marxistische Sektiererpack in NRW überhaupt in die Nähe der Fünf-Prozent-Hürde kommt, war schon vorher unwahrscheinlich. Für die SPD bedeutet dies eine vorübergehende Chance, die Wähler der Partei zurück zu gewinnen.

Dass der Mann allerdings nicht noch einmal die Bühne betritt, um seine dann in´s Trudeln geratene Partei noch einmal vor dem Untergang zu retten, ist unwahrscheinlich. Ein Gespenst geht um in Europa….

P.S.: Dass man dem Mann gesundheitlich alles Gute wünscht, steht auf einem anderen Blatt, sollte hier aber erwähnt werden. Krebs wünscht man niemanden.

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